
Experten fordern ganzheitliche Diagnosen bei Rückenbeschwerden.Körper und Seele bilden eine Einheit. Psychische Belastungen wirken sich über die Muskeln und Bänder auch auf die Wirbelsäule aus. Stress und Leistungsdruck können demnach die Spannung der Muskulatur erhöhen. Eine ständig angespannte Rückenmuskulatur aber ermüdet nicht nur schneller, sondern führt auch zu Schmerzen.
Anzeige "Seele und Rücken hängen eng zusammen," weiß auch der Göppinger Schmerzspezialist Dr. Gerhard Müller-Schwefe, der sich seit über 20 Jahren intensiv mit den Ursachen von Rückenschmerzen beschäftigt. Innere Konflikte, Niedergeschlagenheit oder unbewältigter Stress führen zu verkrampfter Körperhaltung und Verspannung. Die Folge: Die Muskeldurchblutung ist gestört, die Muskeln verhärten sich weiter. Lediglich in zwei Prozent der Fälle sei die Bandscheibe Ursache der Beschwerden. "Sie ist also – anders als die Volksmeinung denkt, die harmloseste Nebensache der Welt," so Müller-Schwefe. Deshalb plädiert der Rückenspezialist dafür, den Menschen komplett zu betrachten. Blockierte Kreuz-Darmbeingelenke oder Halswirbel offenbaren sich nicht in technischen Bildern. Diese lokal begrenzten Funktionsstörungen sind jedoch oft der Spiegel einer verlorenen Balance zwischen Körper und Seele. "Deshalb gehört die Einschätzung der psychischen Verfassung eines Patienten von Anfang an dazu," fordert Müller-Schwefe.
Wie sieht ein typischer Rückenpatient mit psychischen Ursachen aus? Er arbeitet hart, hat einen sehr hohen Leistungsanspruch an sich selbst; missachtet Signale der Überbeanspruchung, die sein Körper aussendet. Er ist gewissenhaft, überkorrekt und sehr ehrgeizig, dabei nicht allzu gut in der Lage, über seine Gefühle zu sprechen.
Die Betroffenen wirken nach außen selbstsicher, aufstrebend und egozentrisch. Auslöser für Rückenschmerzen können berufliche Konfliktsituationen wie Stellenwechsel, Versagensängste oder Stress sein.
![]() Von zarter Hand massiert werden, vermag zwar verspannte Muskeln zu lockern, die tieferen Ursachen der Rückenbeschwerden erreichen oft jedoch weder Massagen noch Bäder geschweige denn Spritzen oder Operationen. Eher helfen Entspannung, Bewegung und ein gezielter Aufbau schwacher Muskeln. Foto: Staatsbad Meinberg "Wenn sie lange Zeit andauern, hinterlassen die Sorgen um den Arbeitsplatz oder Partnerschaftskonflikte, Selbstzweifel, Angst und Depressionen schließlich deutliche Spuren am Stützapparat," weiß auch Dr. Klaus-Dieter Gruber, leitender Oberarzt der Orthopädischen Rose Klinik im nordrhein-westfälischen Kreis Detmold. Diesen Zusammenhang belegt auch eine Studie, nach der Menschen, die niemanden haben, auf den sie sich verlassen können, zu 30 Prozent über Rückenschmerzen klagten, Menschen mit mindestens drei Vertrauenspersonen dagegen nur zu 16 Prozent.
Moderne orthopädische Rehabilitationskliniken behandeln ihre Patienten mit ganzheitlichem Anspruch. Viele arbeiten mit Psychologen zusammen, die den Patienten Wege aufzeigen, mit dem Negativstress umzugehen. Eine Möglichkeit sind Entspannungstechniken.
Unkenntnis über die Zusammenhänge erschwert vielen vom Rückenschmerz Betroffenen die Mitarbeit. Was natürlich klar ist: Der Mensch muss selbst an sich arbeiten. Wer zum Arzt geht, um ausschließlich dort Hilfe zu bekommen, wird allenfalls Symptome bekämpfen können. "Häufig haben Rückenpatienten falsche Erwartungen an ihren Arzt," meint denn auch Dr. Müller-Schwefe. Die schmerzstillende Spritze werde zur großen Hoffnung "und wenn die nicht hilft, wollen sie unters Messer." Daher hat oberste Priorität: Der Mensch muss die Mechanismen von Spannung und Entspannung, von Schmerz und Schmerzfreiheit selbst durchschauen und sein Leben darauf umstellen: Entspannungstechniken in den Alltag einbauen und sich deutlich mehr bewegen.
Die neu gewonnene Fitness fördert Körpergefühl und Selbstbewusstsein enorm. Das tut auch der geschundenen Seele gut. Und dem Rücken, der gerne als das "Erfolgsorgan der Psyche des Menschen" bezeichnet wird, ohnehin. PU
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