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Plastische und Ästhetische Chirurgie
Die Ästhetische Chirurgie boomt. Über1500 so genannte "Schönheitschirurgen" gibt es in Deutschland. Ließen sich 1990 ca.190.000 ästhetische Eingriffe verzeichnen, so war die Zahl 1999 bereits auf über 800.000 angewachsen, und man braucht kein Prophet zu sein, um derzeit ein Ansteigen auf weit über eine Million Eingriffe zu prognostizieren.

Fragt man nach den Gründen für diesen Boom, so sind die Antworten recht unterschiedlich. Die gesteigerte Nachfrage etwa habe zu einer Zunahme des Angebots geführt, ganz nach den Gesetzen der Marktwirtschaft. Dennoch gilt es hier, etwas weiter zu schauen. Ganz unbestritten hat sich in den letzten Jahren die wirtschaftliche Situation der niedergelassenen Ärzte entscheidend geändert. Hieß es früher noch, mann müsse nur ein Arztschild an eine Hauswand hängen, um sein Wartezimmer zu füllen, ist die Lage nun eine grundlegend andere. Erstens hat sich der Patient zum Kunden entwickelt, und zweitens heißt heute eine Steigerung der Patientenzahlen nicht unbedingt mehr auch eine Steigerung der Rentabilität ärztlicher Leistung. Im Gegenteil, die Entwicklung der Honorierung durch die Kassen führte dazu, dass manche Eingriffe, besonders im chirurgischen Bereich, nur noch unzureichend honoriert werden, und dass Patienten mit diesen Krankheitsbildern zumindest aus ökonomischer Sicht nicht gerade erwünscht sind. Mehr denn je wird der Privatpatient lukrativ. "Individuelle Gesundheitsleistungen" das ist das Schlagwort dieser Zeit im Gesundheitswesen. Diese Leistungen können von Arzt und Patient frei verhandelt werden und ermölglichen auch eine andere Liquidation.
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Ausnahmefälle
Nun waren Eingriffe auf dem Gebiet der Schönheitschirurgie schon immer Leistungen, die privat bezahlt werden mussten. Nur in wenigen Ausnahmefällen wurden solche Leistungen von den Kassen übernommen, wenn etwa äußerlicher Defekt zu klinisch relevanten psychischen Störungen führte. Angesichts des oben beschriebenen Booms ist es offensichtlich, dass die ökonomischen Chancen für die ästhetische Chirurgie mehr als gut sind. Die Patienten sind offensichtlich, willens und in der Lage, für gute Leistungen auch gutes Geld zu zahlen. Man mag es begrüßen oder bedauern, aber eines der Ergebnisse der Kostendämpfungsgesetze im Gesundheitswesen ist die entwicklung des Arztes zum Unternehmer, und als solcher unterliegt er marktwirtschaftlichen Reqularien. Er muss seine Leistungen anbieten und beschreiben, um im Kampf um den Kunden "Patient" nicht ins Hintertreffen zu geraten. Dies treibt aber gerade im Bereich der plastischen Chirurgie die merkwürdigsten Blüten. Wirft man einen Blick in die Regenbogenpresse, ist man erstaunt ob der Vielfalt der phantasievollen Titel gerade in diesem Bereich. Da dienen Schönheitschirurgen, schönheitsmediziener und Fachärzte für Ästhetische Medizin ihre Dienste dem geneigten Publikum an
Neue Identität
Fachkliniken für Schönheitsoperationen mit international erfahrenen Ärzteteams arbeiten nach den neusten amerikanischen,brasilianischen oder tibetanischen Methoden und versprechen Schönheit, eine neue Identität von Körper und Seele. Für die Presse ist dies ein begehrtes Thema, denn mit den neuen Schönheitsidealen assoziiert man ein neues Lebensgefühl. Beauty und Wellness werden mit neuer gesteigerter Lebensqualität gleichgesetzt, und Zeitungen, die darüber berichten, werden verkauft. Schön ist gut und offen für die fragwürdigsten Werbeeffekte. Das hat mit seriösem Journalismus nicht viel zu tun, denn seltlen werden diese so genannten neuen Methoden, ihre Nomenklaturund ihr wahrer Innovationswert kritisch hinterfragt. Das, was jeder Patient durch Arztbefragung als Selbstaufklärung betreiben sollte, findet in der Presse selten oder gar nicht statt.
Neue Identität
Notwendige Fragen
Ist die Methode wirklich neu oder nur eine Weiterentwicklung einer schon bekannten? Gibt es bereits statistisch relevante Erfahrungswerte? Ist die Methode in der Fachwelt diskutiert und dokumentiert worden? Wurden klinische Studien nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt? Wurden Risikokalkulationen durchgeführt und wurden die Risiken beschrieben? Wurden die Erkenntnisse veröffentlich und in der Fachwelt wissenschaftlich diskutiert? Gibt es Referenzen durch renommierte Vertreter des Fachs? All diese notwendigen Fragen werden selten gestellt und noch seltener beantwortet. Hier gibt es eine Gesetzeslücke zu beklagen, denn alle Phantasietitel sind weder genau definiert noch in irgendeiner Weise geschützt. Jeder approbierter Arzt darf sich Schönheitschirurg nennen und - was noch wichtiger ist - auch operieren. Um es zynisch auszudrücken: jeder, der ein Messer halten kann, darf auch schneiden. Dass sich unter diesen Umständen Fehler häufen, somit die Schönheitsreparatur repariert werden muss, liegt auf der Hand. TS
     [08.08.2003]
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