
Wer im Betrieb immer nur den Buckel hinhalten muss, arbeitet nur selten produktiv.Noch nie waren Mitarbeiter deutscher Unternehmen so wenig krank wie heute. Im Jahr 2004 sank der Krankenstand auf 3,4% – den niedrigsten Wert seit 25 Jahren. Die durchschnittlichen krankheitsbedingten Fehlzeiten gingen auf 13 Kalendertage zurück. 44 Prozent aller Beschäftigten brauchten nicht mal einen Arzt. Und trotzdem beziffert die Wirtschaft ihren Verlust durch krankheitsbedingte Fehlzeiten auf 35 Milliarden Euro pro Jahr.
Anzeige Weniger Krankentage, hohe Verluste durch Fehlzeiten – wie paßt das zusammen? Ganz offensichtlich achten die Mitarbeiter immer mehr auf ihre Gesundheit, aber viele Jobs machen einfach krank:
Die meisten Krankheitstage verursachen Muskel- und Skeletterkrankungen (27%), gefolgt von den Atemwegserkrankungen (16%) und Verletzungen (15%). Mit über 8% der Krankentage stehen psychische Störungen bereits an vierter Stelle. Viele Unternehmen haben erkannt, dass die Gesundheit ihrer Mitarbeiter direkten Einfluss auf Produktivität und Profit hat. Mit Aktionen zur betrieblichen Gesundheitsförderung, Firmen-Fitness, Office-Workouts oder FitForWork-Programmen versuchen sie die Fitness der Belegschaft zu fördern. ![]() Bewegungspause am Schreibtisch – schön und gut, aber Firmen-Fitness kuriert betriebsbedingte Gesundheitsrisiken mit systematischem Programm unter professioneller Anleitung. Foto:BKK Jahrzehntelang hatten Personal-Chefs Betriebssportgruppen gefördert und mit verletzungsträchtigen Wettkämpfen den Krankenstand eher noch in die Höhe getrieben. Heute sind mehr und mehr Firmenleitungen bereit, mit professionellen Fitness-Partnern systematisch und gesundheitsorientiert zusammenzuarbeiten und damit die Eigenvorsorge ihrer Mitarbeiter zu unterstützen.
Die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg kommt in ihrer Studie "Fitness im Unternehmen" zu dem Ergebnis, dass derzeit 19% aller Unternehmen die sportiven Aktivitäten ihrer Mitarbeiter fördern. Tendenz steigend. Vor allem dann, wenn qualifizierte und anerkannte Kooperationspartner greifbar sind, die die Organisation und Kosten dafür abnehmen. 71% der Belegschaften würden geeignete sportliche Angebote nutzen, wenn es sie gebe. Jetzt sind die Unternehmen in der Pflicht. Sie gestalten die Arbeitsverhältnisse und stellen immer höhere Anforderungen an ihre Mitarbeiter und an die Gesellschaft. Mehr mentale als physische Belastung, Fehlhaltungen und Fehlbelastungen, einseitige Anforderungen oder Zwangshaltungen (etwa am Fließband) und allgemeiner Bewegungsmangel sind eindeutige Folgen der Arbeitswelt. Dafür sollten die Unternehmen einstehen, die nach dem Verursacherprinzip doch gerade erst Unfälle sogenannter Extremsportler aus den Kassenleistungen gestrichen haben wollten. Nach der selben Logik sollten Firmen jetzt unabhängig von den staatlich finanzierten Krankenkassen gezielte Programme für betriebsbedingte Gesundheitsfolgen anbieten. ![]() Foto: DAK/Rickers Zumal solche Aufwendungen als Personalinvestitionen gelten. "Der Erfolg jedes Unternehmens ist in hohem Maße abhängig von der Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter. Eine Grundvoraussetzung dafür ist die Gesundheit", so Gerhard Wieser vom Fitness-Verbund Fit&Well Partner. Oder Kurz gesagt: "Ein gesundes Unternehmen braucht gesunde Mitarbeiter."
Große Firmen-Verluste durch Krankheit Über 35 Milliarden Euro verliert die Wirtschaft durch kranke Mitarbeiter jährlich, Hauptgrund: chronische Rückenschmerzen. Und dabei lassen sich im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung durch relativ geringen Einsatz hohe Kostenersparnisse für das Unternehmen und die Gesellschaft verwirklichen. Etwa durch Rückenschulkurse, Entspannungstechniken oder gezieltes Bewegungstraining mit Fach-Personal.
Bei Kodak in den USA ergab eine Kosten-Nutzen-Rechnung, dass einer Investition in Gesundheitsförderprogramme von 5,1 Millionen Dollar eine Einsparung von 24,5 Millionen Dollar gegenüber stand.
Motorola erreichte mit einem eigens für seine Mitarbeiter entwickeltem Gesundheitsprogramm eine 40-prozentige Senkung der Krankheitskosten und um 60% geringere Unfallkosten. Ein vernünftiges Gesundheitsprogramm in Deutschland könnte den gegenwärtigen Krankenstand um 2,1 Tage reduzieren. In Japan bringen täglich 15 Minuten (Pausen)Gymnastik für alle Mitarbeiter eines Unternehmens 20% Produktivitätszuwachs. Auch der Kurzschlaf in der Mittagspause gehört zum entspannten und erfolgreichen Arbeiten in asiatischen Firmen zum Alltag.
Ein Award für Betriebsgesundheit Weil hierzulande immer noch nicht genug Unternehmer die Potenziale der betrieblichen Gesundheitsförderung nutzen, verleiht der Deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS) gemeinsam mit der Messe Frankfurt einen Preis für vorbildliche Aktivitäten und besonderes Engagement in diesem Bereich. Der "Corporate Health Award 2005" wurde im März auf dem Internationalen Fachkongress Lifetime an "Procter & Gamble" verliehen. "Nur ein gesunder und rundum zufriedener Mitarbeiter kann seine Bestleistung erbringen", weiß Dr. Steffen Hitzeroth, Medizinischer Direktor, zur Firmen-Philosophie.
Die deutschen Firmen Knorr Bremse AG aus München und die Neff-Hausgeräte GmbH aus Bretten erhielten eine lobende Anerkennung durch den nationalen Award. "Sie haben es geschafft, aus den traditionellen Wurzeln des Betriebssports ein System der Gesundheitsförderung zu etablieren und Probleme dort zu lösen, wo sie entstehen, am Arbeitsplatz", erklärt DVGS-Sprecher Dr. Gerhard Huber.
Firmen suchen Fitness Bei Siemens (größter Arbeitgeber in Berlin) zum Beispiel heißt das Fitness-Unternehmen "Siemens-Betriebskrankenkasse". Die sieht sich auch als Partner des Unternehmens und als Anbeiter eines deutschlandweiten Gesundheitsservice. Angebote gibt es vor allem in Richtung Fitness, Entspannung oder allgemeine Bewegung. Experten und Partner unterstützen den Service.
"Für uns ist es wichtig, dass die Leute gesund und damit leistungsfähig bleiben", so Gerhard Obermayer, zuständig für den Bereich Gesundheit. "Durch regelmäßige organisierte Bewegung haben wir weniger Krankheitszeiten und eine deutlich effektivere Mitarbeit. Nicht nur im Kopf auch körperlich ist man fitter." Der Siemens-Betriebskrankenkasse kann jeder beitreten, der arbeitet. In Berlin sind es derzeit 70.000, in ganz Deutschland 700.000 Arbeitnehmer.
Beim Keks-Hersteller Bahlsen im Werk Barsinghausen bei Hannover (in der Hochsaison 1.000 Mitarbeiter) wurde eigens für die Betriebs-Fitness der Besprechungsraum umgestaltet; mit Matten und kleinen Fitness-Geräten. Professionelle (Personal)Trainer geben Rückenschulkurse oder Tipps zur richtigen Haltung am Arbeitsplatz sowie zu Gelenk schonenden Bewegungen. Mitunter wird ein Mitarbeiter auch schon mal direkt in/bei der Produktion massiert "Das Programm hat Bahlsen vor einigen Jahren selbst ins Leben gerufen. Es ist gezielt auf die Mitarbeiter abgestimmt, dient dem Ausgleich und ist gut gegen einseitige Belastungen", so Jennifer Apel, von der Pressestelle.
Fitness sucht Firma Umgekehrt funktioniert das System auch schon: Seit 1998 betreuen etwa die "Killer Sports- und Body Culture Clubs" in Darmstadt und Umgebung Mitarbeiter großer Firmen wie T-Online, Lufthansa, Wella oder Merck. Von den etwa 16.000 Studio-Mitgliedern trainieren 26% mit speziellen Firmenfitness-Verträgen.
Der Physiotherapeut und ehemalige Hochleistungssportler Frank Walton ist seit 1991 in Sachen Firmen-Fitness aktiv, hat in Frankfurt inzwischen mehrere Praxen, in denen derzeit fünf Firmen betreut werden, darunter Mitarbeiter der Deutschen Bank, einer Filmproduktionsgesellschaft und von zwei großen Architekturbüros. "Ich wollte nicht warten, bis die Krankenkassen mir Patienten vorbeischicken und habe damals selbst bei großen Firmen angefragt", so der gebürtige Amerikaner. HG
Diskutiere zu diesem Thema in unserem Forum oder schreib einen Kommentar.
powered by shape up >> jetzt abonnieren |